Upcoming CD Review (Transsonic Records)
 

Alex Hudish: „One“ (Transsonic Records)

Wer uber Alex Hudish spricht, der spricht automatisch uber das Reisen. Daruber, wie die Familie des 26-jahrigen Musikers 1991 von der Ukraine nach Israel ubersiedelte. Wie Alex, der Teenager, in seiner neuen Heimat erstmals MTV sah und eine kunstlerische Reise durch die unterschiedlichsten Regionen der Popkultur begann. Und daruber, wie er schlie?lich das sichere Gefuhl bekam, angekommen zu sein – bei moderner Elektronika, die das Herz eroffnet und die Gedanken schweifen lasst. Alex Hudish macht Chill-Out- und Lounge-Musik und begibt sich gemeinsam mit dem Horer auf eine Reise durch erhabene Sound-Landschaften, in denen es immer wieder neue Details, Facetten und Schattierungen zu entdecken gibt. Hier den Klang einer akustischen Gitarre, dort den Sound einer Fender Rhodes, die Anmutung von Nu Jazz und Lofi Glitch, elektronische Downtempo-Grooves und symphonische Exkursionen: Alex Hudishs Debut-Album „One“ ist fraglos eine sehr abwechslungsreiche Reise. Doch das Gesamtbild, das sich nach und nach ergibt, ist homogen und ausgesprochen harmonisch.

Alex Hudish kunstlerische Lehr- und Wanderjahre beginnen in fruhester Kindheit: Mit funf lernt er, die ersten Noten auf dem Klavier zu spielen, mit zehn tritt er erstmals vor einer gro?eren Auditorium auf. Es sind die Giganten der Klassik, die ihn begeistern. Es ist das Klavier, das er beherrschen will. Dann fallt der Eiserne Vorhang, und die Familie Hudish nutzt die Gelegenheit, die Ukraine zu verlassen und den Verwandten zu folgen, die sich in Israel niedergelassen haben. Im Jahre 1991 betritt Alex Hudish eine fur ihn vollig fremde Welt. Er entdeckt die westliche Lebensart, und er findet Gefallen an ihr. Der Klavierschuler beginnt, MTV zu gucken, und schon bald verliebt er sich in eine Band. „Es ist wirklich komisch, aber es war 2 Unlimited“, erinnert er sich. „Das war wirklich etwas vollig anderes als die Musik, mit der ich mich bis dahin beschaftigt hatte. Aber ich mochte den Rhythmus der Gruppe und ihre einfachen Melodien.“

Es sollte nicht bei 2 Unlimited bleiben. „Auf dem Weg zu dem, was ich heute mache, habe ich so gut wie kein Genre ausgelassen“, konstatiert Alex Hudish. Erste Elektronikversuche mit simplen Sequenzer-Programmen zuhause am Computer, Irish Folk, Balkan Folk, Trip Hop, Club Music, Soft Rock, Hard Rock, Heavy Metal – wer sagt, dass man auf einer Reise keine Umwege machen darf? Der Teenager lernt, Gitarre zu spielen, steigt in verschiedenen Bands ein, hat jede Menge Spa?. „Keiner von uns hat danach gestrebt, ein Rockstar zu werden. Aber ich habe viel geubt, viele Leute kennengelernt und in den unterschiedlichsten Genres Erfahrungen gesammelt. Das war cool.“ Warum er letztlich doch wieder am heimischen PC landet? „Meine Hinwendung zur Chill-Out- und Lounge-Musik war letztlich die logische Folge ernsthaften Headbangings: Ich hatte den Punkt meines Lebens erreicht, an dem man Sepultura nur noch mit einer Packung Kopfschmerzmittel ertragt.“

Naturlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle. In erster Linie ist es die Entdeckung von Kunstlern wie Air, Thievery Corporation, Mum, The Knife und Royksopp, die Alex Hudishs Reise eine neue Richtung gibt und schlie?lich zum Ziel fuhrt. „Ich denke, damals habe ich das gefunden, wonach ich immer gesucht habe: einfache Musik, die die Leute mogen, ohne Fragen zu stellen. Musik, in die Du Dich immer und immer wieder verliebst. Die Dich ohne einen bestimmten Grund lacheln lasst. Einfach nur, weil Du es kannst.“ Bei dieser Musik will Alex Hudish bleiben, nicht nur als Fan, sondern auch als Kunstler. „Ich begann, Songs zu schreiben und aufzunehmen. Hubsch simpel, was die Produktion anbelangt, aber sehr catchy und melodios.“

Alsbald beginnt Alex Hudish, seine Tracks ins Netz zu stellen, und es ereignet sich eine echte Raritat im Musik-Business: eine MySpace-Karriere-Geschichte, die wirklich stimmt. Auf der Suche nach Kunstlern fur Transsonic Records schaut sich Label-Grunder Frank He?ler auf eben dieser Website um, sto?t auf die Musik des weithin unbekannten israelischen Chill-Out-Kunstlers – und ist begeistert. Die Reaktion der Freunde, denen er seine Entdeckung vorspielt, bestatigen ihn in seiner Einschatzung, dringend mit Alex Hudish in Verbindung treten zu sollen. Mit „One“ liegt nun das Ergebnis dieser Kontaktaufnahme vor: ein Debutalbum voller Highlights, wie das von Air inspirierte „Ozone“ oder das Ost und West verbindende „Eastridden“, das zu einem treibenden Beat zunachst eine feine Piano-Melodie vorstellt und im weiteren Verlauf in der Tat beiden Kulturkreisen gerecht wird – auf musikalisch aufregende Weise. Naturlich hat hier die Biografie des Kunstlers ihre Spuren hinterlassen, und auch seine Klavier-Ausbildung ist nicht folgenlos geblieben. „Ich hore zwar mittlerweile keine Klassik mehr, aber ich habe ihre Harmonien und Strukturen immer im Hinterkopf, wenn ich komponiere.“ Und woher kommen die Jazz-Einflusse, die sich hier und dort finden lassen? „Fur mich ist Lounge die Zwillingsschwester des Nu Jazz“, erklart Alex Hudish und verweist auf Bands wie Jazzanova, St. Germain und Zero 7.

Letztlich ist es aber die Chill-Out- und Lounge-Musik selbst, die Alex Hudish inspiriert und beflugelt. „Sie ermoglicht mir es, zu entspannen, die Gedanken herumschweifen zu lassen, Soundlandschaften zu erkunden und auf diese Weise vielleicht etwas Neues zu kreieren.“ Wenn er zu komponieren beginne, hab er oft keine Vorstellung, wohin ihn die Reise letztlich fuhrt. Eine Idee fuhrt zur nachsten Idee, der Song entsteht gewisserma?en in einem flie?enden Prozess – in einem von der Musik selbst ausgelosten Gedankenstrom. All das klingt so, als ware es eine spannende, bereichernde Erfahrung, „One“ zu horen. Das stimmt. Und eine sehr schone obendrein.